Pfarreiengemeinschaft Wellingholzhausen.Gesmold

Kehrt um! Denkt neu!

„Was sagst Du denn dazu, dass keiner der Bischöfe zurücktreten muss, alle einfach so weitermachen, nach den ganzen Missbrauchsskandalen?“ – fragt mich meine 88-jährige Mutter vor einigen Tagen.
Gerade steht fest, dass der Papst alle Rücktrittsangebote - vor Monaten von Kardinal Marx und jetzt von den Bischöfen Heße und Woelki und weiteren Weihbischöfen - abgelehnt hat. Recht hat sie mit ihrer Frage und ich weiß keine Antwort. Ich kann ihr nur beipflichten. Bin ich doch selbst oft ratlos und entsetzt. Warum übernimmt niemand Verantwortung und tritt ohne Angebot zurück – einfach so als wichtiges Zeichen? In der ZEIT fragt Rainer Esser, Geschäftsführer des Zeitverlages und bekennender Katholik aus Hamburg: „Haben unsere Bischöfe das Gefühl für Anstand und Demut verloren? Sollen wir jetzt alle aus der Kirche austreten, um es »denen da oben« mal richtig zu zeigen?“

Der Kommentator sieht aber auch die andere Seite der Kirche(n). Theolog*innen, Priester und pastorale Mitarbeiter*innen, die den Auftrag der Seelsorge ernst nehmen und ihrer Gemeinde ein Anker sind. Die vielen sozialen Einrichtungen der Kirche, die humanistische Werte vermitteln. Reformbewegungen wie der Synodale Weg, Maria 2.0, so seine Hoffnung, werden helfen die alte Glaubenslehre und ihre weltlichen Institutionen auf den rechten Weg zu bringen. Und deshalb bleibt Esser in der Kirche.

Bischöfliche Mutmacher gibt es auch, z. B. Bischof Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz: Zu einer radikalen Wende in ihrem Wirken und ihrem Amtsverständnis hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz die katholischen Bischöfe in Deutschland aufgefordert.

Zugleich übte der Limburger Bischof scharfe Kritik am bisherigen Auftreten vieler seiner Kollegen. Für die jetzt anstehenden, strittigen Reformdebatten brauche es „den Geist und den Mut zur Umkehr“, sagte Bätzing in seiner Predigt zum Auftakt der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda und fuhr fort: „Kehrt um! Denkt neu! Das ist in der Tat mehr und anders als bloß etwas Anpassung und Fortschreibung. … Ein Einfaches ‚Weiter so‘ beim Bischofsein geht nicht mehr.“ In seiner Predigt über die Berufung des Matthäus (Mt 9,9–13) aus dem Eröffnungsgottesdienst von Fulda, fordert er eine radikale Wende. Ohne eine echte Umkehr würden die Bischöfe der Wucht des Missbrauchsskandals und der Dramatik der Entkirchlichung nicht gerecht, betonte der Vorsitzende.

Für Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft sei das bisherige Auftreten der Bischöfe ein Anlass, das Erlösungsangebot der Kirche „als anmaßend und übergriffig und angesichts des Missbrauchs obsolet zurückzuweisen“. Bätzing fügte hinzu, die Bischöfe selbst hätten erheblich dazu beigetragen, dass die von ihnen verkündete Botschaft des Evangeliums nicht mehr verstanden werde. (Link der ganzen Predigt siehe unten)

Zum Schluss noch ein Wort des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll, Hoffnung: „Selbst
die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen“. Böll sieht dabei besonders das christliche Engagement für alle Ausgegrenzten, für alle, die am
Rand unserer Gesellschaft stehen.

In all meiner Ratlosigkeit wegen meiner Kirche und ihrer Armseligkeit: hier vor Ort können wir Kirche gestalten, es liegt an uns, an dir und mir, wie und wofür wir uns einsetzen.
Ausdruck von: wellingholzhausen.pfarrwege.de/content/857/p,78/Kehrt_um_Denkt_neu/
Datum: 07.07.2022